Archäologen

Mein eineinhalb Jahre jüngerer Bruder Roy und ich haben uns durchgesetzt. Wir dürfen ein klitzekleines Stück Garten auf dem Grundstück der Fasteinschloßvilla haben. Acht Quadratmeter um genau zu sein. Versehen mit einer Menge Ordnungsanordnungen und anderen unsinnigen Vorschriften, die uns aber nicht großartig belasten. Erst einmal müssen wir einkaufen, wir wollen Gemüse anbauen und brauchen Saat. Ahnung haben wir beide nicht. In Onkel Wolfgangs Bücherzimmer werden wir fündig. Ein schönes Buch über Gemüseanbau hilft uns weiter. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns für Feuerbohnen und Kresse. Als Randeinfassung wollen wir Kartoffeln setzen. So können wir den kleinen Gartenfitzel am besten ausnutzen. Wir kratzen unser Taschengeld zusammen und kaufen zehn Tüten Feuerbohnen, zehn Tüten Kresse und einen Beutel Kartoffeln. Von unserem Nachbarn bekommen wir lange Stangen für das Feuerbohnengerüst geschenkt. Eine Weile gucken wir ihm bei seiner Gartenarbeit zu, dann wissen wir was wir zu tun haben. Gründlich umgraben ist die erste Arbeit die wir erledigen müssen. Gut dass unser Nachbar gerade seinen Gemüsegarten anlegt, so können wir immer gucken und ihn fragen, falls uns etwas unklar ist. Wir graben also erstmal mit unseren Kinderspaten um. Roy findet einen Knochen. Ich habe gerade das Buch <Kampf um Troja> über Heinrich Schliemann und seine Ausgrabungen in Troja gelesen und auch Roy versteht etwas von Archäologie. Wir haben es hier offensichtlich mit dem glücklichen Fund eines prähistorischen Ausgrabungsortes zu tun. Hier müssen wir also sehr proffessionell vorgehen. Mit den Feuerbohnenstangen sperren wir die Ausgrabungsstätte ab, damit unsere Geschwister nicht auf dem wertvollen Gelände herumtrampeln. Roy besorgt einen Notizblock und einen Schreiber, ausserdem zwei Strohhüte gegen eventuell sengende Hitze (im Aprilgraugetrübten Hamburg zwar eher eine Seltenheit, aber ein bisschen halten wir uns da an Heinrich Schliemann). Auf dem Notizblock notieren wir erstmal die für eine Ausgrabung benötigten Dinge.

 


 

1 Kiste (für die Funde)

 

Pinsel (zum reinigen der Funde)

 

Siebe (damit wir nichts übersehen)


Die Kiste besorge ich aus dem Keller. Dort steht eine gute solide Holzkiste, gefüllt mit vertrockneten Dahlienknollen. Die Knollen kippe ich in die Mülltonne, ich weiß wirklich nicht wofür unsere Mutter solchen Kram aufbewahrt. Roy hat derweil in der Küche zwei brauchbare Backpinsel gefunden, die werden im Haus nur für die Weihnachtsbäckerei benutzt und bis dahin haben wir die Pinsel längst gereinigt und zurückgelegt. Ausserdem hat er noch eine Packung Gefrierbeutel und die dazugehörigen Aufkleber mitgebracht, damit wir unsere gereinigten Funde fachgerecht verwahren können. Ich bewundere seine Weitsichtigkeit. Nun können wir wirklich proffessionell arbeiten. Wir schuften den ganzen Nachmittag und finden nicht nur weitere Knochen sondern auch diverse Ton- und Porzellanscherben. Wirklich sehr zufrieden mit dem Ergebnis unserer Arbeit stellen wir etwas erscheckt fest, dass wir sämtliche Ordnungsanordnungen und andere unsinnige Vorschriften verletzt haben. Ein erstaunlicher Berg Erde hat sich aufgetürmt und wir stehen fast bis zu den Schultern in einem tiefen Erdloch. Der aufgetürmte Erdhaufen hat sich ausserdem erdreistet, die uns zugeteilte Grenze gründlich zu überschreiten. Wir haben aber keine Zeit für profane Aufräumarbeiten. Unsere Funde müssen gereinigt, eingetütet und katalogisiert werden. Da wir ausser den Knochen und den Ton- und Porzellanscherben auch noch einige Ziegelsteine gefunden haben, sind wir davon überzeugt auf Überreste der alten Hamaburg gestoßen zu sein. Das bedeutet, dass wir auch noch ein umfassenden Werk über unsere Ausgrabungsarbeiten schreiben müssen und genauso berühmt werden wie Heinrich Schliemann. Unsere archeologische Zukunft wird am Erreichen kräftig erschüttert. Unsere Mutter ruft erst „meine Dahlien“! aus, als sie die Kiste sieht und dann, „die Gefriertüten“!, wir sind froh, dass sie die Backpinsel nicht bemerkt hat. Ausserdem gibt es mächtigen Ärger wegen unserer Ingonranz gegenüber den Ordnungsanordnungen und den weiteren unsinnigen Vorschriften. Unsere letzte Hoffnung wird ausgerechnet von Onkel Wolfgang zerstört. Freundlich erklärt er uns, dass es sich bei unseren Knochenfunden um Hühner – und kleinere Schweineknochen handelt und desweiteren würden die Scherben und Steine darauf hindeuten, dass wir auf eine alte Hausmüllgrube gestoßen sind. Roy und ich sind bitter enttäuscht und geben die Schuld Troja und Heinrich Schliemann. Mit dem Typen sind wir erstmal durch.

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