Gute Nacht Jakob

 

Wie die Hühner auf einem Balken, sitzen wir auf Margits Bett. Jeden Abend drängt sich unweigerlich das Bild aus meinem Bilderbuch in mir auf. Fünf Hühner auf einem Balken und davor die Oberhenne, die mahnend den Flügel hebt. Meine Mutter hat keine Flügel und sie mahnt auch nicht. Sie liest uns vor. Aus "Gute Nacht Jakob". Sie sitzt auf einem unserer Kinderstühle vor dem Bett, wir sitzen auf dem Bett und hören zu. Der eine mehr, der andere weniger. In der Mitte sitze ich, rechts neben mir Margit, links neben mir Roy. Neben Margit sitzt Katrin und neben Roy Ina. In der linken Hand hält meine Mutter das Buch und der rechte Zeigefinger fährt beim lesen unter den Zeilen längs, damit sie das zu lesende Wort nicht aus den abendmüden Augen verliert. Wie jeden Abend klebt mein Blick an diesem rechten Zeigefinger und dem dazugehörigen Wort. Und auf einmal erkenne ich das nächste Wort und auch das übernächste, bevor der Zeigefinger es erreicht hat. In Gedanken lese ich eins, zwei Worte vorweg und die laut glesenen Worte meiner Mutter hallen wie ein kleines Echo in mir nach. Manchmal muss ich auf den Zeigefinger und das Wort warten, weil es mir seine Bedeutung noch nicht zugänglich gemacht hat. Ich begrüße es freundlich, nehme es in meine Gedanken auf und versuche erneut mir einen kleinen Vorsprung zu erarbeiten um dem Echo die Möglichkeit der Bestätigung zu geben.


 

In dieser Nacht schlafe ich kaum. Wenn ich doch mal kurz einnicke hüpft die Dohle Jakob durch meine Träume und futtert die mich auslachenden unbekannten Wörter auf, die mir ihre Bedeutung versagen. Ich zwinge mich wach zu bleiben, bevor sie sich auch noch an die bekannten Wörter macht und am Ende keine mehr für mich übrig bleiben. Die bekannten Wörter reihe ich vor mir auf, betrachte sie mit der Möglichkeit eines vierjährigen Kindes und finde Gemeinsamkeiten. Und auf einmal habe ich sie durchschaut. Jedes Wort besteht aus kleinen Bildchen, die sich immer wieder neu zusammensetzen lassen. Für einige Wörter braucht man nur zwei oder drei Bildchen, für manche sehr viel mehr. Ganz langsam und leise spreche ich die vor mir aufgereihten Worte und entlocke fast jedem mir bekannten Bildchen in dieser Nacht das Geheimnis seines Lautes.

 

 

Übernächtigt sitze ich am nächsten morgen am Frühstückstisch, habe wie immer keinen Hunger und will heute auf keinen Fall in den Kindergarten. ICH WILL DAS BUCH. Meine Mutter gibt nach aber ich muss frühstücken. Jeder Bissen quält sich unendlich langsam durch meine Kehle, hindert mich daran mich den Wörtern zu widmen und ihnen weitere Geheimnisse zu entlocken. Endlich habe ich das Käsebrot runtergewürgt und wasche mir gründlich meine Hände. Das heiße Wasser wärmt meine kalten Hände und die Vorfreude auf das Buch kribbelt in meinem Nacken. Ich koste die wohligen Schauer der heißwasserkribbelnden Vorfreude aus, bis ich ermahnt werde den Wasserhahn abzudrehen. Das Frühstücksgeschirr ist abgeräumt und auf dem sauber abgewischten Tisch liegt das Buch. Ich schlage das Buch auf und fahre mit dem Finger unter den Wörtern entlang, so wie meine Mutter es jeden Abend macht. Der Finger und die Wörter scheinen in freundlicher Gemeinsamkeit zusammen zu gehören.  "Du hälst das Buch verkehrt herum". Ich sehe auf, schaue dann auf das Buch und schüttel den Kopf. Nein, es liegt richtig rum,so wie es jeden Abend vor mir liegt und es gibt für mich keinen vernünftigen Grund, warum es tagsüber anders sein sollte. Viele Zeilen weiter hole ich meine Malsachen und male meinen Namen. Es ist schwierig die dazu nötigen Bildchen herauszufinden, denn einige klingen fast gleich.Doch nach einer Weile habe ich sie zusammen.

 


 

"Du hast die Buchstaben verkehrt herum gemalt." Wieder schüttel ich den Kopf, mache mir aber nicht die Mühe meiner Mutter ihren Irrtum zu erklären. Buchstaben heißen die kleinen Bildchen also. Meine Buchstaben sehen nicht so schön aus wie die in dem Buch und ich verziere sie mit Kringeln und Blümchen. Immer neue Wörter male ich auf das Blatt, alle die mir so einfallen. Meine Mutter nimmt ein neues Blatt Papier und malt mit einem Bleistift und einem Linial breite Linien darauf. Nun kann ich meine Buchstabenbildchen ordenlich in eine Reihe schreiben. Sie spitzt meine Buntstifte und putzt zum wiederholten Male meine Brille, die ständig auf der Nase herunterrutscht und auf deren Gläsern ich beim hochschieben Fingerspuren hinterlasse. Am Nachmittag kann ich lesen und schreiben und schlafe bis zum Abendbrot tief und traumlos, dass Buch" Gute Nacht Jakob" fest an mich gedrückt.

 

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