Hanspuppe

 

Innerhalb der Fasteinschloßvilla wird ziemlich viel umgezogen.Am Anfang unserer Besiedlung sind die oberen Räume - bis auf ein Zimmer - noch belegt. In dieses nichtbelegte Zimmer zieht meine Mutter. Unten gibt es zwei große Räume, eine sehr große Diele, einen langen Flur und eine große Küche mit einem riesigen alten Herd. Einen der großen Räume bekommen wir derzeit noch fünf Kinder. Der andere Raum dient als Zimmer für Tante Christa und den Herrn des Hauses und als gute Stube für alle. Einige Zeit später wird aus der sehr großen Diele ein Dielenzimmer und der Flur verlängert sich. In das Dielenzimmer zieht nun meine Mutter. Die anderen oberen Räume leeren sich auch für kurze Zeit, werden dann aber von Oma Horn, Opa Horn und Onkel Wolfgang bezogen. Zur Verstärkung gegen die überhandnehmenden Erwachsenen bekommen wie erst Oliver und dann Jutta dazu. Das ist der Zeitpunkt für die Erwachsenen an dem die Fasteinschlossvilla  "aus allen Nähten platzt".

Der nun folgende fasteinschloßvillaverschandelnde Anbau wird von Tante Christa bezogen, das andere Anbauzimmer bekommen Margit, Ina und Katrin. So geht es lustig weiter. Erst zieht Oma Horn auf den Friedhof, dann Opa Horn. OnkelWolfgang verwandelt das Dielenzimmer in das Bücherzimmer. Tante Christa, Margit , Ina und Katrin beziehen die oberen Räume. Jutta und Oliver belegen ein Anbauzimmer. Roy und ich das andere. Meine Mutter und der Herr des Hauses ziehen in unser ehemaliges Kinderzimmer, die gute Stube ist nun nur noch gute Stube. Durch den Auszug von Onkel Wolfgang werde ich auch noch meiner Bücherzimmerwelt beraubt. Ich verliere den Bezug zu fast allen Räumen und zu einem großen Teil des Gartens der Fasteinschloßvilla. Mein erträglicher Lebensraum beschränkt sich nun auf das Anbauzimmer, den dazugehörigen Verandateil, die Küche und den Kellerschlund. Roy zieht in das Dielenzimmer und ich bettel jeden Abend das er mit in meinem Zimmer übernachtet.

Im schräg gegenüberliegenden Eckhaus wird auch umgezogen. Sabine Wuschelkopf und Horst Rothaar ziehen dort ein. Roy und ich bekommen nun einmal in der Woche dort Flötenunterricht, heißen Kakao und Waffeln. Ich lerne keine Noten , kann dafür aber bald schon fast alles auf der Flöte spielen was ich möchte. Roy lernt alle Noten aber seine Flöte taugt nicht viel. Er kann sich noch so sehr bemühen, sie quietscht.Die Spielerei gefällt Roy und mir so gut, dass wir uns im Bläserchor der Kirchengemeinde anmelden. Wir bekommen eine Trompete und ein Tenorhorn, werden aber schon bald wieder rausgeschmissen. Sehr zur Freude aller umliegenden Nachbarn. Roy plagt sich also weiter mit seiner untauglichen Flöte ab. Ich beschäftige mich mit Hanspuppe, während Horst Rothaar an seiner riesigen Streichholzburg baut.

              

Hanspuppe hat eine feine helle Lederhose an mit winzigen Taschen und ein geblümtes Hemd. Dazu schöne Strickstrümpfe und schwarze Schnallenschuhe. Das beste an Hanspuppe ist aber der kleine Schulranzen. Der ist gerade mal so groß wie meine Hand und enthält wundervolle Dinge. Kleine eingeschlagene Schreibhefte, einen Stundenplan, ein Zeugnis, einen winzigen Rechenschieber und eine kleine Schiefertafel. Dazu gibt es noch ein Stoffmäppchen mit zwei Bleistiften. Vorsichtig packe ich den Ranzen aus und lege die Sachen geordnet auf den Fussboden. Es sieht fast so aus wie meine Sachen, bei Margit und meiner Einschulung. Nur der schweineteure Gehafüller fehlt und die Schultüte. Horst Rothaar gibt mir einen kleinen Bogen Papier und Filzstifte. Auf das Papier male ich schöne Muster und klebe es dann mit Tesafilm zu einem spitzen kleinen Schultütchen. Horst Rothaar füllt acht Smarties rein und bindet das Schultütchen mit einem kleinen Stück Geschenkband zusammen.

 

 

Waffeln und Kakao sind bedauerlicherweise bald in unseren Mägen verschwunden und wir müssen nach Hause. Gegenüber dem Flötengequietsche empfinde ich keinerlei Bedauern. Zum Abschied drückt Sabine Wuschelkopf mir die Hanspuppe in den Arm und sagt das diese sich sicherlich sehr freuen würde, wenn ich mit ihr Einschulung spielen würde. Das unerwartete Geschenk wirft große Probleme für mich auf. Woher soll ich die anderen einhundertfünfundzwanzig Puppen nehmen? Und gibt es Puppeneltern und Lehrer? Von den Gebäuden in Puppengröße will ich garnicht erst anfangen. Die fröhlichen Bänderstäbe sind das gringste Problem. Roy sagt ich soll nicht immr alles so verklomplizitieren .Er weiß wie man mit Puppen spielt und wir schulen Hanspuppe, Katjapuppe, Camenbertschlawiner und Roys zwei Käthekrusenpuppen ein, die Helmut und Grethel heißen. Danach spielen wir mit den Puppen und Camenbertschlawiner "Familie". Roy sagt wir brauchen keine Elternpuppen, wir sind selber die Eltern und heißen nun Rosemarie und Pierre. Familie spielen gefällt mir gut und es wird neben Halma und kleinen sommerlich donnergrollenden R`s ein fester Bestandteil meines Lebens, bis wir die Fasteinschloßvilla verlassen. Ich habe der Hanspuppe viele Jahre lang nachgetrauert. Wie viele meiner heißgeliebten Sachen ist sie bei dem Umzug von Hamburg an die Nordsee verschwunden. Erst als mein Mann mir zum 35.Geburtstag eine neue Hanspuppe schenkte, konnte ich mich mit dem Verlust abfinden.

 

 

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