Kellerkirche

Martinskirche in Hamburg-Rahlstedt

 

Margit und ich machen uns fein. Das ist fast so spannend wie bei unsere Einschulung. Am Abend vorher haben wir bei Onkel Wolfgang gebettelt, dass wir mit zur Kirche dürfen. Zeit mit Onkel Wolfgang ist immer gute Zeit und Kirche scheint eine fröhliche Angelegenheit zu sein. Onkel Wolfgang kommt Sonntags immer frohlaunig vor sich hin summend nach Hause. Zu dritt sitzen wir in der großen Fasteinschloßvillaküche und frühstücken gemütlich. Alle anderen Fasteinschloßvillabewohner schlafen noch und es ist wunderbar ruhig im Haus. Onkel Wolfgang sagt das er großes Glück habe sein Sonntagsfrühstück mit Schneeweißchen und Rosenrot verbringen zu können. Ich bin auch dieser Meinung und sage ihm, dass er ja gut der verzauberte Bär sein könne, wenn er hübscher und jünger wäre. Margit tritt mich unter dem Tisch gegen das Schienbein. Das ist wirklich eine Unart von meinen Geschwistern, sie machen das ziemlich häufig und immer muss mein Schienbein dafür herhalten. Meine Mutter hat sich diese Unart leider auch schon abgeguckt und ich bin sehr froh, dass alle Bewohner der Fasteinschloßvilla im Haus nur Puschen tragen dürfen. Letzten Sonntag fing meine Mutter mit der Schienbeintreterei an. Oma Jenfeld und die drei gleichaussehenden Tanten waren zum Kaffe da. Oma Jenfeld äußerte sich über die wundervolle weiße Tischdecke und ich erzähle ihr das diese ein gut gebügeltes Erbstückbettlaken sei. Meine Mutter besitzt keine weißen Tischdecken, aber wenn Oma Jenfeld und die drei gleichaussehenden Tanten zu Besuch kommen, muss eine weiße Tischdecke her. Es folgt ein mütterlicher Schienbeintritt und ich sage meiner Mutter, dass ich es ziemlich gemein finde, dass man hier sogar Sonntags getreten wird. Nun bin ich unartig und muss den Kaffetisch und die Stube verlassen. Vorher soll ich mich entschuldigen sagt eine der gleichaussehenden Tanten. Ich entschuldige mich bei dem Käsekuchenstück auf meinem Teller ,dass nun mäusewinzig angebissen zurück bleiben muss. Erwachsene sind manchmal unverstehbar. Meine Mutter auch. Sie trägt mir meinen Teller mit dem mäusewinzig angebissenen Käsekuchenstück hinterher, setzt sich auf einen Küchenstuhl und lacht. Sie lacht so sehr, dass ihr die Tränen über das Gesicht laufen und sie ihre Brille putzen muss. Gerne würde ich wissen, was sie so sehr erheitert. Ich halte aber lieber meinen Mund, ein sonntäglicher Schienbeintritt reicht mir.


                          

Innenraum der Martinskirche                                              Turm der Martinskirche

 

Das sage ich jetzt auch zu Margit. Onkel Wolfgang sagt, dass er keine sonntägliche Schienbeintreterei wünscht, weder hier noch später in der Kirche- und wahrheitsgemäße Reden zu führen sei keine Schande sondern eine Tugend. Zu mir sagt er dass ich nicht immer unbedingt alles sagen muss was ich denke. Ich weiß nicht wie er nun darauf kommt, wenn ich das machen würde,d ann wäre ich den ganzen Tag mit Reden beschäftigt und würde zu nichts anderen mehr kommen. Jetzt räumen wir unser Frühstücksgeschirr weg und machen uns kirchenfertig. Kirchenfertig wie wir nun sind sind, maschieren wir durch die Vordertür nach draussen. Es ist ein sehr erhebendes Gefühl, da uns Kindern die Hintertür vorbehalten ist, damit wir vorne nicht so viel Dreck reinschleppen. Dabei nimmt nur Oliver höchstens mal einen Eimer Sand mit ins Haus und ich finde es ist ziemlich egal ob er den vorne oder hinten reinträgt. Der Tag begrüßt uns mit sonnenfreundlicher Wärme und Onkel Wolfgang verschönt uns den Weg mit Kirchenliedern. Kirchenlieder gefallen mir gut und ich bin sehr froh, dass ich sie nun lernen darf. An der Kirchentür werden wir freundlich von dem Pastor begrüßt, ebenso freundlich schickt er uns runter in den Kirchenkeller, dort sei Kindergottesdienst. DAS GEHT AUF KEINEN FALL! Genau das ist uns nämlich gestern strengstens untersagt worden. Wir Großen haben den Werkzeugkeller aufgeräumt und alles neu und sinnvoll sortiert. Wie immer wurden unsere Bemühungen nicht geschätzt. Der Herr des Hauses hat ganz klar gebrüllt, wenn wir jemals wieder einen Keller betreten haut er uns grün und blau. Da kann ich dankend drauf verzichten und ich erkläre dem Pastor unsere etwas schwierige Lage. Der aber möchte "sowas" vor der Kirche nicht hören. Ich biete ihm an, dass wir in Kirche weiter plaudern, aber das will er auch nicht. Er sagt, dass er genug von mir hat und wir sollen sofort in den Keller gehen. Vorsichtshalber teile ich ihm mit, dass er schönen Ärger mit meinen Eltern bekommen wird - und ich gehe erst in den Keller, als Margit und Onkel Wolfgang mir versprechen, dafür die Verantwortung zu übernehmen.

Zu Hause klärt Onkel Wolfgang zu allererst, dass das Kellerverbot NICHT die Kellerkirche mit einschließt. Ich kann nun beruhigt wieder dahin gehen. Das möchte ich sehr gerne, denn es gibt ein schönes biblisches Sammelbild wenn man die ganze Zeit brav still sitzt. Margit will nie wieder in die Kellerkirche, sie sagt ich wäre ein schreckliches,peinliches Kind. Sie kommt aber trotzdem wieder mit und nach zehn Kellerkirchensonntagen bekommen wir ein schönes Heft, in das wir unsere biblischen Sammelbilder einkleben können.

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