Ein bisschen ausgehen

 

Meine Mutter futtert zu viel.Sie wird immer kugeliger. Ich glaube nicht, dass sie noch lange durch unsre Türen passt. Immer wieder zeigt sie auf ihren Bauch und sagt was von Geschwisterchen und Baby. Was ein Geschwisterchen ist weiß ich nicht und ich hoffe sehr, dass sie kein Baby gefuttert hat. Die kleinen Dinger sind fast genauso niedlich, wie meine Katjapuppe und mein Teddy Schlawiner (der in Camenbert umbenannt wird, als ich mit drei Jahren meine Leidenschaft für diesen Käse entdecke). Vorsichtshalber verstecke ich beide lieber erstmal, wer weiß was meine Mutter so alles in sich hineinfuttert. Katjapuppe und Schlawiner habe ich zu meinem ersten Geburtstag bekommen, ebenso wie ein Gemäldebild mit einer Mutter und einem Baby darauf. Meine Mutter hat das Bild aus einer Zeitschrift ausgeschnitten und in einen schönen Rahmen geklebt. Der Rahmen ist ein wenig golden und hängt nun über meinem Gitterbettchen. (Ich besitze Katjapuppe, Schlawinercamenbert und das Bild heute noch). Schlawiner ist ein Geschenk von Onkel Ossi. Onkel Ossi besitzt ein wundervolles Auto und mit dem sind wir zu einem Spielzeugladen gefahren, dort habe ich mir dann Schlawiner ausgesucht.

 

Schlawiner und Katjapuppe

 

Das Auto ist phänomenal, denn man steigt nicht an der Seite ein sondern vorne und Onkel Ossi meckert nie wenn ich mit Schuhen über die Rückbank krabbel. Da hat er auch keinen Grund zu,denn meine Schuhe halte ich sauber. Meine Mutter gibt mir extra jeden Morgen eines von meinen feinen Stofftaschentüchern dafür. Sie sagt ich soll mir damit die Nase putzen, aber dazu sind sie mir zu schade. Das dumme an Schuhen ist, dass sie sehr schnell schmutzig werden. Dauernd muss ich stehenbleiben und sie putzen. Trödelliese nennt meine Mutter mich. Ich möchte die Schuhe gerne in die Karre packen, damit sie sauber bleiben- aber das darf ich nicht. Dann muss ich auch in die Karre- und das will ich nicht. Ich lande sowieso bald in der Karre, dann hat meine Mutter es eilig.


 

 

Im Oktober nach meinem ersten Geburtstag entschließt meine Mutter sich endlich mit der Futterei aufzuhören. Dafür hat sie eines von diesen Babys angeschleppt. Mir war nicht bewusst, dass man die genauso kaufen kann wie Schlawiner oder Katjapuppe. Das Baby bringt für mich klare Vorteile. Die Karre kommt in den Keller, der Platz im Treppenhaus wird für den Kinderwagen gebraucht. Warum bitte braucht ein viel kleineres Baby einen viel größeren Kinderwagen? Der ist ja fast genauso groß wie Onkel Ossi`s Auto. Mit der Schuhputztrödelei ist meine Mutter immer noch nicht einverstanden. Ich bekomme einen Sitz für den Kinderwagen. Damit bin ich einverstanden. Ich sitze nun wie eine Königin auf einem Thron, so wie die Königin in einem meiner Bilderbücher. Noch einen weiteren Vorteil hat das Baby mit sich gebracht. Meine Mutter hat zwei Gitterstäbe aus meinem Bett entfernt und ich kann nun alleine rein und rauskrabbeln. Für meine Mutter hat das auch einen Vorteil. Ich bewerfe sie morgens nicht mehr mit Bausteinen um festzustellen ob sie wach ist. Jetzt klettere ich aus dem Bett und klappe einfach ihre Augenlider auf. Dann kann ich sehen ob sie wach ist.

 

An meinem zweiten Geburtstag ist Roybaby schon tüchtig gewachsen, aber laufen kann er immer noch nicht. Es wird aber höchste Zeit. Ich habe zum Geburtstag Sandspielzeug bekommen und wir könnten in der Sandkiste auf dem Spielplatz eine prima Sandburg bauen. Ich vermute es liegt an der Nahrung die er bekommt. Jeden Morgen darf ich ihm die Flasche geben und ich kann sie sogar schon ganz alleine im Flaschenwärmer warmmachen. Aber ab heute ist Schluss mit der Flasche. Meine Mutter darf noch ein bisschen vor sich hindösen und ich kümmere mich in Ruhe um anständige Nahrung. Vorsichtshalber klappe ich aber nicht ihre Augenlider hoch. Schwarzbrot mit Leberwurst ist genau das richtige für Roybaby, dass kann ich auch schon ohne Hilfe. Die Stücke mache ich ganz klein, denn Roybaby hat erst zwei Zähne. Er kaut und schluckt fleißig, aber nach einer Weile fängt er an zu weinen. Meine Mutter meint, dass es wohl doch besser sei ihm noch die Flasche zu geben. Ausserdem hat sie uns heimlich fotografiert. Das nächste Mal gucke ich doch lieber genau nach ob sie wirklich schläft.

Mir ist ein wenig langweilig. Roybaby und meine Mutter machen Mittagsschlaf. Meine Mutter sagt sie ist todmüde. Roybaby hat die ganze Nacht gequengelt weil er Zähne bekommt. Ich verstehe nicht warum er so ein Theater darum macht. Eigentlich wollte ich gerne auf den Spielplatz, aber daraus wird nun nichts. Ich beschließe ein wenig auszugehen. Meine Mutter geht auch manchmal ein wenig aus und eine Nachbarin guckt dann nach uns. Die beiden schlafen aber so tief und fest, dass sie keine Nachbarin benötigen. Ich benötige aber unbedingt die schönen langen Handschuhe, die meine Mutter immer zum einbisschenausgehen anzieht. In der Flurkommode werde ich fündig. Heute morgen habe ich ein Kleid anbekommen und mit den Handschuhen bin ich perfekt einbisschenausgehfein. Meine neuen Schuhe lasse ich lieber stehen, ich kann sie noch nicht alleine anziehen und ich möchte nicht,dass sie schmutzig werden. Im Treppenhaus steht der Kinderwagen mit meinem Thron, friedlich neben zwei anderen Kinderwagen ohne Thron. Die Haustür ist wegen dem schönen Wetter auf und ich maschiere an den sechs Briefkästen vorbei, los. Es ist schön ein bisschen auszugehen. Vor einem Torbogen steht ein Mann in lustiger Kleidung. So eine Kleidung hat auch der Onkelvater manchmal an, wenn er mich besucht. Hier wohnt er also. Bestimmt wird er sich freuen wenn ich ihn mal besuche. Ich maschiere an dem Mann am Tor vorbei und auch an dem Mann der in dem kleinen Häuschen sitzt. Auf dem großen Platz steht eine lange Reihe von Männern, auch in lustiger Kleidung. Davor läuft ein Mann auf und ab. Ich folge dem auf und ab Laufenden. So ist es wohl am einfachsten den Onkelvater zu finden. Einige der Männer fangen an zu lachen. Bevor ich mitlachen kann kommt meine Mutter und nimmt mich mit nach Hause. Sie sagt, dass ich auf dem Kasernenhof nichts zu suchen habe und einfach weglaufen darf ich auch nicht. Ich bin garnicht weggelaufen. Ich bin nur ein bisschen ausgegangen.

 

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