Meine Bücherzimmerwelt
 

Mein Kinderleben war in verschiedene Welten eingeteilt .Eine Welt gab es im Zimmer meines Onkels, vollgestopft mit Büchern, zwei Wellensittichen und einem etwas verwirrten, sehr gütigem Onkel. Diese Welt war warm und duftete leichtnach den kleinen Zedernholzblöcken, die zwischen den Büchern lagen, um sie
vor den gefräßigen Motten zu schützen. In jedem dieser Bücher gab es für mich eine versteckte Tür zu einer anderen Welt, manchmal so winzig, dass ich michklitzeklein machen musste um hindurch zu schlüpfen. Manchmal fand ich diese Tür schon auf der ersten Seite, manchmal musste ich viele Seiten lesen, bevor der Eingang sichtbar wurde. Ich habe nie ein Lesezeichen in ein Buch gelegt,weil ich befürchtete jemand anderes könnte diesen Eingang finden.
Die Bücherwelt stand mir am späten Nachmittag ab 17.00 Uhr zur Verfügung.
Um 16.15 Uhr kam mein Onkel von der Arbeit und vor 17.00 Uhr durfte keiner anklopfen. Ich konnte nur ahnen was sich hinter der verschlossenen Tür tat. Trotzdem hatte ich eine feste Vorstellung davon. Ich saß in dem langen dunklen Flur, im gebührenden Abstand von der Zimmertür entfernt, auf dem Boden und wartete. Ich stellte mir vor, wie der dunkelbraune Anzug und das weißen Hemd gegen einen mittelbraunen Anzug und ein hellblaues Hemd getauscht wurden.
Der dunkelbraune Anzug wurde sorgfältig ausgebürstet und auf einen Kleiderbügel gehängt, um dort auf den nächsten Arbeitstag zu warten. (Ich habe meinen Onkel nie anders als im Anzug gesehen, zur Arbeit dunkelbraun mit weißen Hemd und Ärmelschonern, nach Feierabend mittelbraun mit hellblauen Hemd und an Sonntagen schwarz, wieder mit weißem Hemd.) Nach einer Weile hörte ich leise
Geräusche aus dem Zimmer und wusste, dass die Vögel nun mit Futter versorgt wurden und mein Onkel ihnen von seinem Arbeitstag in der Bibliothek berichtete. Ich brauchte keine Uhr um zu wissen wann es soweit war, dass ich klopfen konnte.17.00 Uhr war dann wenn das Gespräch mit den Wellensittichen beendet war.
Das war für mich dann der Zeitpunkt aufzuspringen und vermutlich etwas ungestüm an die Tür zu klopfen, denn ich wurde jeden Abend mit den gleichenWorten begrüßt: “Katja lerne bitte leise zu klopfen, denn ich verfüge noch über ein äußerst gutes Gehör“. Die Worte waren immer gütig und freundlich gesprochen und natürlich habe ich nie gelernt leise zu klopfen. Sehr selten fielen mehr Worte zwischen uns. Ich verschwand in meiner Leseecke zwischen zwei Bücherstapeln
und mein Onkel widmete seine Aufmerksamkeit wieder seiner Arbeit am Schreibtisch. Ich glaube die Zeit war für uns beide zu kostbar um sie mit überflüssigen Worten zu verschwenden. Um 19.oo Uhr gab es Abendbrot, wir hatten also nur zwei Stunden. Zwei Stunden wunderbarer Ruhe und Sicherheit, gefüllt mit Abenteuern und Poesie,
Gedichten und Kriminalgeschichten. Ich las alles, Reiseberichte, Memoiren, Mythologie und Geschichte, Romane fast jeder Kategorie. Meine Bücherzimmerwelt war verzaubert, wunderbar vollgestopft mit Geheimnissen und manchmal gekrönt von einem Schokoladenriegel.


 



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