Neumünster

Der Onkelvater und Ich (3Jahre alt

Fahrt nach Neumünster.Meine Mutter bringt mich zum Hamburger Hauptbahnhof und setzt mich dort in den richtigen Zug.Die Anzahl der Haltestellen hat sie mir schärfstens eingeprägt,beim sechsten Halt auststeigen.Ich fürchte mich sehr vor dieser Zugfahrt aber kein Wort darüber wird meine Lippen verlassen.Ich habe das Für und Wider genauestens geprüft.Mein Bruder fährt jeden Tag von Rahlstedt mit dem Zug in die Hamburger Innenstadt,Dort muss er noch zweimal umsteigen bis er an seiner Schule ist.Er besucht die Hörbehindertenschule und stellt sich niemals wegen der Fahrerei an.Was sind dagegen sechs läppische Stationen ohne umsteigen-und ich werde sogar noch in den richtigen Zug gesetzt.Mein Bruder ist eindreiviertel Jahre jünger als ich und ich habe beschlossen diese Herausforderung anzunehmen.Meine Mutter setzt mich in ein fast leeres Sechserabteil,ermahnt mich noch einmal an der richtigen Station auszusteigen und entschwindet.Mir gegenüber sitzt eine ältere Dame und strickt.Ich würde sie gerne fragen ob sie mir Bescheid gibt wenn wir in Neumünstr angekommen sind,aber mein Mund bleibt verschloßen und die Frage in meinen Gedanken hängen.Der Schaffner kommt und verlangt die Fahrkarten.Ich habe meine die ganze Zeit fest in der Hand gehalten,seitdem ich sie eigenständig und fast ganz alleine am Schalter eingelöst habe.Mein Gesicht fängt an zu glühen,als ich nun sehe wie zerknittert sie ist.Ich habe der Fahrkarte ihre Ansehnlichkeit geraubt und das Loch das der Schaffner nun hineinknipst macht es nicht gerade besser.Beschämt lasse ich meine nun wertlose Trophäe im Brustbeutel verschwinden.Eine ganze Weile bin ich damit beschäftigt,die nun aufsteigenden Tränen daran zu hindern,sich nach außen hin zu präsentieren.Vor einiger Zeit hatte ich mir geschworen die Heulerei einzuschränken,vor allem in der Öffentlichkeit. Gerne hätte ich jetzt gelesen,aber ich traute mich nicht aufzustehen und meine Tasche aus dem Gepäcknetz zu holen,in das meine Mutter sie hineinverfrachtet hatte(allerdings ohne zu bedenken,dass ich für meine zehn Jahre ziemlich klein bin).Ich bin mir sehr sicher dort nicht ran zu kommen ohne auf die Sitzbank steigen zu müssen,und tolpatschig wie ich bin,würde ich fast genauso sicher runter purzeln.Lesen fiel also aus und ich mache mir große Sorgen darum,wie ich rechtzeitig vor dem Aussteigen an meine Tasche heran kommen würde,ohne mich der Lächerlichkeit preiszugeben.Um nicht wieder mit Tränen kämpfen zu müssen,konzentriere ich mich innigst auf die Strickerei der älteren Dame.Unbemerkt verinnt die Zeit und ich erschrecke,als die Dame ihr Strickzeug beiseite legt,aufsteht und schwungvoll meine Tasche aus ihrem Gefängnis befreit."An der nächsten Station musst du aussteigen",sagt sie freundlich.Ich hatte keinen Halt bemerkt,aber ich konnte nun stricken.

 

 

"Meine Güte,bist du gewachsen!".Inge steht auf einmal neben mir auf dem Bahnsteig,an ihrer Stimme erkenne ich sie wieder.Sie ist die Mutter meiner beiden kleinen Halbbrüder und mit meinem leiblichen Vater verheiratet,den ich aber beim Vornamen nennen muss-mit "Onkel"davor.Uneheliche Kinder dürfen nicht "Papa"sagen und ich darf meinen kleinen Brüdern auch nicht sagen,dass ich ihre Schwester bin.Inge fährt erst mit mir einkaufen und ich darf mir für zehn Mark etwas aussuchen das ich gerne haben möchte.Das darf ich immer und es ist einer der unbestreitbaren Vorteile von Neumünster.Der Betrag wird jedes Jahr um eine Mark erhöht und ich male mir oft aus,was ich mir kaufen werde wenn ich zwanzig bin (leider bin ich nie in diesen Genuss gekommen.Inge äußert sich verwundert,weil ich dieses Mal nicht auf die Bücherabteilung zusteuere.Gleich vorne bei den Kurzwaren bleibe ich stehen.Ein ganzer Korb mit Wolle im Angebot! Ich kaufe mir acht knäuel in verschiedenen Farben und Stricknadeln."Seit wann kannst du stricken?" "Seit einer Stunde".Inge glaubt mir sicherlich kein Wort,sagt aber nichts dazu.

 

 

Einer der unbestreitbaren Nachteile von Neumünster ist das Abendbrot,fertig geschmierte Lebrwurstbrote mit Gurke.Ich esse nur Käse.Ich habe mal versucht das zu sagen,hat aber nichts genützt.Seitdem esse ich das Brot lieber auf.Direkt nach dem Essen verschwinde ich im Bad und stecke mir den Finger in den Hals.Spucken ist eklig,aber Lebrwurstbrot ist noch ekliger.Mein leerer Magen stört mich nicht,Hungergefühl habe ich nie.Ich "esse" fast die ganze Woche so,denn zum Mittagessen esse ich nur Linsensuppe oder Erbswurst,an sehr guten Tagen auch mal Kartoffeln mit Soße.Alles andere kann unmöglich in meinem Körper verweilen.Meine Mutter weiß das und zu Hause ist immer ein Vorat an Erbswurst da,aber sie hat versäumt dieses Inge zu sagen.

 

Ein weiterer unbestreitbarer Vorteil an Neumünster sind die Unmengen von Legosteinen.Zu Hause haben wir kein Lego.Ich liebe Lego.Die kleinen Brüder können noch nicht richtig damit bauen und sie freuen sich,dass ich jedem von ihnen ein kleines Haus mit einem kleinen Zäunchen davor baue.Die Häuser sind wirklich sehr klein,denn das meiste von dem Lego brauche ich.Schon seit Wochen male ich mir aus,was für ein wunderschönes Schloss ich bauen werde,gerne mit Parkanlage.Ich hoffe innigst,dass genug Legosteine dafür da sind.Nach vier Stunden ist das Werk fertig.Nicht ein Legostein ist mehr übrig und das Schloss ist genauso geworden wie ich es mir ausgemalt hatte.Der Onkelvater kommt herein und schaut sich das Bauwerk an.EIner der kleinen Brüder knackt die Spitze vom Turm ab.Wut darüber ist in mir,aber ich verschließe sie ganz tief.Wutanfälle sind hier,ebenso wie zu Hause, unerwünscht.Das habe ich hier schmerzlich gelernt.Inge hatte mir vor einigen Jahren ein Puzzle zu Beschäftigung gegeben(offensichtlich vor mich hinträumen darf ich hier auch nicht).Das Puzzle hatte nur fünfundzwanzig Teile und als ich es nach einer Stunde immer noch nicht zusammen hatte,habe ich es samt Kasten an die Wand geworfen.Inge hat alles wieder aufgesammelt und den Kasten geklebt, gesagt hat sie nichts dazu,aber abends gab es riesigen Ärger von dem Onkelvater und Inge hat mir für den Rest der Woche meine Bücher weggenommen.Ich bekam sie erst wieder nachdem ich fest versprochen hatte mich weder hier noch zu Hause jemals wieder so zu benehmen.Also zügel ich meine Wut lieber und sage nichts,für das Schimpfen ist hier nur der Onkelvater zuständig.Der kleine Bruder bekommt einen Klaps auf die Finger und der Onkelvater baut die Turmspitze wieder dran.Er weiß meine Baukunst zu schätzen und verbietet den kleinen Brüdern,dass Schloss bis zum Ende der Woche anzurühren.Vorsichtig trägt er das Bauwerk ins Wohnzimmer und stellt es auf den kleinen Tisch neben der Sofaecke.Jeder Besucher wird von ihm darauf aufmerksam gemacht und ich bin mächtig stolz.

Wir sind bei Inge`s Vater zum Geburtstag eingeladen.Ich muss mit,ob ich will oder nicht.Der Onkelvater besteht darauf mir vorher neue Kleidung zu kaufen. Er mag meine karierten Schlaghosen nicht noch meine Lieblingsmütze,auch meine Jacke gefällt ihm nicht.Inge trägt ausserhalb des Hauses nur Röcke,ich muss aber keinen anziehen.Ich bekomme eine graue Hose(ohne Schlag)und eine weiße Bluse.Ausserdem einen weißen Mantel aus Pelzimitat,mit schwarzem Kragen und schwarzen Kanten an den Taschen.Den Mantel mag ich sehr.Er ist wunderbar warm und kuschelig und ich darf ihn gleich anbehalten.Nun freue ich mich auf den Nachmittag und kann es kaum abwarten.Jeder soll meinen schönen neuen Mantel sehen.Inge`s Vater begrüßt uns freundlich und bittet uns herein."Und wer ist die junge Dame in dem hübschen Mantel?"Inge sagt etwas sehr verbotenes und ungeheuerliches: "Das ist Wolf`s Tochter".Alle haben es gehört und alle sehen mich an.Ich klammere mich an Inges Rock fest und ein Gefühl steigt in mir auf das ich nicht zuordnen kann.Es ist ein sehr gutes Gefühl und abends bitte ich Inge mir den gleichen Rock zu nähen,den sie hat.Den Nachmittag verbringe ich bei meinem Mantel im Flur und am nächsten Tag kauft Inge Erbswurst für mich,es ist genug für den Rest der Woche und ich bin glücklich.Der Onkelvater darf davon nichts wissen.

 

Erbswurst  (aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie)

Gelbe Erbswurst von Knorr und ein Portionsstück

 
Erbswurst ist eines der ältesten industriell hergestellten Instantgerichte. In Wasser aufgekocht, kann aus ihr in kurzer Zeit eine sämige Erbsensuppe hergestellt werden. Dazu werden die Portionsstücke zerdrückt, in kaltem Wasser aufgelöst und einige Minuten gekocht. Die traditionell in eine Pergamentpapierrolle gewickelten Portionstabletten bestehen aus Erbsenmehl, Rinderfett, entfettetem Speck, Salz, Zwiebeln und Gewürzen. Heute ist die Zusammensetzung der Zutaten etwas geändert – es kommen noch Geschmacksverstärker, Aroma, Hefeextrakt und weiteres hinzu. Entwickelt wurde die Erbswurst 1867 von dem Koch und Konservenfabrikanten Johann Heinrich Grüneberg aus Berlin. Er verkaufte seine Erfindung bald (für vermutlich 100.000 Mark) an den preußischen Staat, der sie ab 1870 im Deutsch-Französischen Krieg – zuerst als „eiserne Ration“ – an seine Soldaten verteilte. Vorangegangen waren Versuche des Kriegsministeriums
, zu denen Soldaten bei normalem Dienst über sechs Wochen ausschließlich mit Erbswurst und Brot verpflegt wurden. Bei Ausbruch des Kriegs wurde auf Staatskosten eine Fabrik errichtet, in der 1.700 Arbeiter zuerst täglich sieben Tonnen produzierten, später bis zu 65, insgesamt waren es 4.000 bis 5.000 Tonnen.

Von 1889 an übernahmen die Brüder Knorr in Heilbronn, die in ihrer Fabrik bereits „Knorr Haferschleim“ und die „Patentsparsuppe Victoria“ herstellten, die Produktion der Instantsuppe. Als billiges, nahrhaftes, nahezu unbegrenzt haltbares und einfach zuzubereitendes Gericht wurde sie allgemein beliebt und gehörte auch bald zur Grundausstattung von Wanderern, Bergsteigern und Expeditionen. Erbswurst wird bis heute unter der Marke Knorr – inzwischen zu Unilever gehörend – angeboten.

 
 

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