chulzeit

 

Wochenlang habe ich der Einschulung entgegengefiebert.Schule muss etwas fantastisches sein.Kaum kann ich es erwarten,meinen neuen dunkelgrünen Lederranzen mit den Schulbüchern zu füllen.Vorsichtshalber habe ich schon mal ausprobiert,wieviele Bücher hineinpassen.Es sind eine Menge.Die Mischung von Büchergeruch und neuem Rindsledergeruch ist einfach wunderbar.Probehalber sortiere ich noch meine neuen Hefte in das dafür vorgesehene Fache ein.Nun riecht es phänomenal gut.Ich habe wirklich schöne Hefte.Meine Mutter hat eine Rolle Schrankpapier gekauft und Tesafilm.Das Schrankpapier hat ein schönes Muster und duftet zart nach Parafin.Gemeinsam haben wir gestern damit die neuen Hefte eingeschlagen und meinen Namen darauf geschrieben.Es gibt verschiedene Hefte.Eines mit ganz weißen Blättern,dass sicher zum malen und zeichnen vorgesehen ist.Auf dieses Schulfach freue ich mich besonders.Eines ist mit Linien,das ist ganz sicher für die Schreiberei.Dann ist da noch eines mit Kästchen,meine Mutter sagt das es für Mathematik ist.Von Mathematik verstehe ich noch nichts.Meine Mutter sagt,dass das nichts macht weil ich erst fünf bin.Lesen und schreiben kann ich schon gut.Ich werde zusammen mit meiner Schwester Margit eingeschult.Wir sind Stiefschwestern aber das ist uns ziemlich egal.Margit ist schon sechs und ich beneide sie sehr darum.Margit kann noch nicht lesen und schreiben ausser ihren Namen,dafür versteht sie etwas von Mathematik.Sie kann beim Kaufmann genau ausrechnen wieviele Milkay Way`s wir für eine Mark kaufen können.Ich bewundere sie sehr dafür.Mathematik scheint viel schieriger zu sein als lesen und schreiben.Wenn Margit Mathematik betreibt macht sie ihre Nase ganz kraus,kneift die Augen fest zusammen und legt ihren Kopf in den Nacken.Der Kaufmann bewundert sie auch sehr dafür,er lässt sie an der Kasse immer ausrechnen,wie viel wir für unser Milky Way und unser Brausepulver bezahlen müssen.Wenn sie das Ergebnis richtig hat bekommen wir eine Rabattmarke für unser Rabattmarkenheft.Wir hatten seit einiger Zeit ein eigenes,ganz für uns alleine.Der Kaufmann hatte unsere Namen darauf geschrieben.Wenn das Rabattmarkenheft voll ist,können wir uns eine ganze Menge Milky Way und Brausepulver umsonst holen.

 

       

 

Meine eigenen Bücher packe ich nun aus dem Ranzen.Morgen gibt es schöne neue Lernbücher.Margit kommt mit ihrem Ranzen in die Küche,er sieht genauso aus wie meiner,ist aber dunkelrot.Wir legen alle unsere Sachen auf den Küchentisch und vergleichen sie.Margit hat einen Pelikanfüller,meiner ist von Geha,weil es nur von dieser Marke einen Linkshänderfüller gibt.Meine Mutter hat ganz schön über diese SCHWEINEREI geschimpft,der Füller war SAUTEUER und außerdem hat sie sich die Füsse danach wundgelaufen.Ich überlege ob es wohl auch EBERTEUER und FERKELTEUER gibt.Margit sagt ihr Füller sei dann wohl EBERTEUER gewesen,weil er weniger gekostet hat als der Linkshänderfüller.Wir packen unsere Füller zu den FERKELTEUREN Buntstiften in unsere Federtaschen.Das ist eine ordentliche Kicherei,denn unsere Ranzen sind aus Rindsleder.Wir sind für die Schule also TIERISCH gut ausgerüstet.Wir holen unsere neuen Einschulungskleider,auch sie sind gleich aber verschiedenfarbig,ebenso wie unsere Schultüten,die schon gepackt und verschlossen auf der Küchenbank liegen.Unsere Ranzen stellen wir auf einen Stuhl und hängen unsere Kleider sorgfältig über die Lehne.Ein Margitstuhl und ein Katjastuhl.

Am nächsten Morgen machen wir uns schön.Wir sind fast gleich groß und Margit hat blonde Haare,meine sind rotbraun.Wir werden Schneeweißchen und Rosenrot genannt.Das mögen wir sehr denn es gibt uns das Gefühl zusammen zu gehören.Eigentlich sind wir Stiefschwestern aber das ist uns egal.Margit ist acht Monate älter als ich und wir wechseln uns ein bisschen damit ab wer von uns die Größere ist.Um zehn Uhr sollen wir in der Schulaula sein,vorher geht es zum Fotografen.Das Schulgebäude mag ich nicht sehr,es ist ein viereckiger,dreigeschossiger Bau der sich nicht die Mühe gemacht hat,schön auszusehen.Drei davon stehen auf dem Schulhof und noch ein vierter,langezogener am Sportplatz,das ist die Turnhalle.Die Bauten auf dem Schulhof sind alle durch überdachte Gänge verbunden.An der Rückseite der Turnhalle stehen zwei lange Holzbaracken.In der Aula werden wir mit unseren Eltern von der Schuldirektorin mit einer langen ermüdeten Rede begrüßt.Dann werden wir an unsere Klassenlehrer übergeben.Margit hält mich fest an der Hand.Wir bekommen eine Klassenlehrerin,Frau Scheckloff.Sie sorgt dafür,dass wir uns in einer ordentlichen Zweierreihe aufstellen,die anderen drei Klassenlehrer machen es genau so.Bald stehen vor der Aula vier ordentliche Kinderzweierreihen.Nach der Reihenfolge 1a,1b,1c,1d, gehen wir nun hinter unseren Klassenlehrern durch die überdachten Gänge.Wir sind in der 1b.Links und rechts an den Gängen stehen die Schüler aus den großen Klassen.Jeder hat einen buntbemalten Stab mit Flatterbändern in der Hand.Die Stäbe werden so gehalten,dass sie etwas schräge an die Gangdecke stoßen und die Bänder wunderbar fröhlich herumflattern.Die Kinder singen alle Strophen von "Geh`aus mein Herz und suche Freud`" und es ist eine viel schönere Begrüßung als die ermüdente Rede der Direktorin.Die Klassenräume der Erstklässler sind in der langen Holzbaracke.Wir haben einen eigenen kleinen Schulhof auf den die Großen nicht dürfen,wir dürfen aber auch nicht auf den Schulhof von den Großen.In der Klasse bekommen wir unsere Plätze zugewiesen.Ich muss vorne sitzen,weil ich nicht so gut sehen kann und eine Brille trage.Margit hat keine Brille aber sie darf neben mir sitzen.Wir halten uns immer noch an den Händen und werden deswegen ausgeschimpft.Ich glaube die Klassenlehrerin wird keine Freundin von uns.Die nächste Schimpfe gibt es als wir unser Namenschild schreiben sollen.Frau Scheckloff schimpft,dass ich mit links schreibe,sie schimpft dass ich von rechts nach links schreibe und sie schimpft über meine schönen Schnörkel.Ich habe keine Ahnung was sie von mir will und erzähle ihr ganz stolz,dass ich auch schon lesen kann.Ich soll ihr was aus dem neuen Lesebuch vorlesen und bekomme schon wieder Schimpfe,ich halte das Buch verkehrt rum.Schule ist doof ,das neue Lesebuch auch.Ich lese es am selben Tag durch und lege es dann ganz oben auf den Schrank zu meinen Kleinkinderbüchern.Für die Schule packe ich mir eines von meinen eigenen Lesebüchern ein.Meine Schreibhausaufgaben mache ich lieber nicht,das ist mir zu gefährlich.Am nächsten Tag holt meine Mutter uns von der Schule ab und nun bekommt Frau Scheckloff Schimpfe,direkt im Büro der Direktorin,die soll alles hören.Margit und ich sitzen im Vorraum und hören auch alles.Vor allem hören wir meine Mutter.Wir sind sehr beeindruckt,meine Mutter ist so wütend,dass sie auf hessisch schimpft.Ich darf weiter mit links und verkehrt rum schreiben und auf dem Kopf lesen,das richtigrum schreiben und lesen lerne ich schon von selber.Dafür muss ich aber das Schullesebuch weiter benutzen und darf kein eigenes mehr mitbringen und ich muss meine Schreibhausaufgaben machen,egal wie rum.Der Kauf des schweineteuren Füllers ist zum Glück nicht vergeblich gewesen.

 

Am Ende der ersten Klasse verstehe ich immer noch nichts von Mathematik und Margit kann immer noch nicht lesen und schreiben,bald darauf darf sie auf eine andere Schule,ich muss hier bleiben und werde ein sehr trauriges Schulkind.Der Platz neben mir bleibt leer und in der Pause stehen die anderen Kinder um mich herum und singen"Deine Schwester geht auf die Sonderschule".Diese Neider! Die Schule heißt wohl so weil es eine besonders gute Schule ist.Margit kommt jeden Tag fröhlich nach Hause.Sie hat viel weniger Hausaufgaben als ich und lernt stricken und batiken.Ausserdem wird dort schon ab der vierten Klasse kochen gelehrt.Sie strickt mir einen knallgrünen Schal der fest und warm ist.

 

 

Im Jahr darauf werden unsere Geschwister Ina und Roy eingeschult.Die Freude darüber,nun nicht mehr alleine in den Pausen zu sein und hinter der Turnhalle von den Großen verhauen zu werden,erfüllt sich nicht.Roy wechselt schon bald auf die Hörbehindertenschule und Ina ist sehr beliebt und muss sich um ihre Freundinnen kümmern.Die Einschulung unserer Schwester Katrin ist für mich ein besonderer Tag.Ich bin nun in der vierten Klasse und darf mit einem bunten bänderfröhlichen Stab am Aulagang stehen.Leider sind die Stäbe seit meiner Einschulung etwas geschrumpft,sie reichen aber trotzdem noch bis zu Gangdecke und Katrin winkt mir im Vorbeigehen fröhlich zu.Und noch etwas besonderes ist passiert,wir haben eine neue Klassenlehrerin bekommen,Frau Tröger.Frau Tröger mag die Schnörkel an meiner Schrift und sie mag es das ich alle meine a`s,ä`s,e`s,o`s und ö`s bunt ausmale. Sie verbietet mir nicht kleine Zeichnungen in meine Hefte zu machen,sie freut sich sogar darüber und ich bekomme in Heftführung eine Eins.Richtigrum lesen und schreiben kann ich inzwischen.Bei Schulausflügen darf ich im Bus neben ihr sitzen und an den Wandertagen hält sie beim wandern meine Hand fest.Ich werde immer noch jeden Tag verhauen aber von nun an ist Schule schön.

Mit Beginn der siebten Klasse ist Frau Tröger weg.Es wird gesagt,dass sie einer komunistischen Partei angehört und deswegen aus dem Schuldienst entlassen worden ist.Meiner Mutter ist das Scheißegal und mir auch.Wir haben jetzt endgültig genug von dieser Schule.Meine zwei jüngsten Geschwister,Oliver und Jutta,sind hier garnicht erst eingeschult worden.Sie gehen in Alt-Rahlstedt zur Schule.Hier gibt es ein schönes altes Schulgebäude,das mich genauso freundlich begrüßt wie der neue Klassenlehrer, Herr Avenhaus.Ich werde nicht mehr jeden Tag verhauen und freunde mich sogar ein wenig mit der Mathematik an.Ganz besonders aber mag ich die Biologieaservartenkammer.Hier darf ich oft sitzen und die Matritzen(Plaupausen)für den Biologieunterricht zeichnen,die dann für alle kopiert werden.


Nach oben