Teerkünstler

 

Bei uns wird angebaut. Die Erwachsenen sind der Auffassung, dass die Fasteinschloßvilla "aus allen Nähten platzt". (Ich hingegen glaube nicht, dass ein Haus auseinander platzt und selbst bei genaueren hinsehen habe ich keinerlei genähte Stellen gefunden) Zu dieser Zeit beehren uns Oma und Opa Horn noch mit ihrer Anwesenheit. Die Rückseite der Fasteinschlossvilla wird gnadenlos durch einen Flachdachanbau verschandelt und unser Kinderzimmer seines wunderbaren Anblicks in den Hintergarten beraubt. Stattdessen bekommen wir an der einen Seite drei schmale lange Fenster, ganz oben an der Wand so, dass keiner von uns mehr rausgucken kann. Die Räume der Fasteinschloßvilla sind 3,50m hoch, mit wundervollen Stuckdecken. Die Stuckdecke unseres Kinderzimmers verschwindet nun in schwabbeliger Düsternis. Der große Kirschbaum hat auch unter dem Anbau zu leiden. Anstatt wie bisher, stolz und frei im Garten zu stehen, muss er sich nun damit begnügen, an die neue Hauswand gekuschelt, sein Dasein zu fristen. Der Anbau bekommt eine große Dachterrasse, was für Ina völlig neue Möglichkeiten der Kirschernte eröffnet. Unten bekommt der Anbau eine Veranda. Interessiert gucken wir Kinder zu, wie die Bauleute Teerpappe auslegen. Sie haben einen kleinen Teerkocher mit, in dem sich schwarzglänzend harter Teer aufhält, der nun warm gemacht wird. Herrlich duftende Teergeruchsschwaden durchstreifen unseren Garten. Der schwarzglänzend harte Teer verwandelt sich in eine zähe, stumpfe Masse und die Bauleute beginnen damit, die Teerpappenstücke mit der Masse zu verschmieren. Die Masse entschließt sich wieder fest zu werden, kurz nachdem sie den Teerkocher verlassen hat. Leider ist sie nun nicht mehr glänzend, aber mit etwas Möbelpolitur müsste sich das wieder in Ordnung bringen lassen. Pünktlich machen die Bauleute Feierabend. Sie verlassen die Veranda und den Garten der Fasteinschlosvilla und lassen den freundlich riechenden, abkühlenden Teerkocher zurück. Vorsichtig stochere ich mit einem Stock in der Masse herum. Die Masse ist zäh und ein wenig klebrig .Wenn ich den Stock rausziehe und die Masse ein wenig abkühlen lasse, kann ich daraus wundervolle kleine Teerfigürchen formen. Die kleinen Teerfigürchen stelle ich auf die Verandabrüstung und drücke sie gut fest. Den Rand verschmiere ich ein wenig auf dem Beton damit die kleinen Teefigürchen gut halten. Die anderen bewundern meine Teerkunst und sind der Meinung, dass die Verandabrüstung so viel schöner aussieht. Gerne möchten sie mir helfen, die Verandabrüstungteerkunstverschönerung könnte dann fertig sein, bevor die Erwachsenen nach Hause kommen. Wir haben in der letzten Zeit ziemlich viel Unsinn angestellt und es wird höchste Zeit das wir unseren Erwachsenen Mitbewohnern mal wieder eine Freude bereiten. Ich zeige meinen Geschwistern, wie man die kleinen Teerfigürchen formt und gut festdrückt. Jutta, Oliver und Katrin können das auch schon ziemlich gut, aber an den Teerkocher lassen wir sie lieber nicht, der ist noch ziemlich warm. Margit, Ina, Roy und ich sind sehr verantwortungsvoll mit unseren kleinen Geschwistern und achten immer sehr darauf, dass ihnen nichts passiert. Bald haben wir die Verandabrüstung fertig Teerfigürchen verziert und Ina sagt, dass sie nie geglaubt hätte, dass man von mir Dummerjan so schöne Sachen lernen kann. Inzwischen sehen wir alle selber aus wie kleine Teerfigürchen, besonders die drei Kleinen. Margit meint, dass es besser wäre wenn wir Wasser rausholen und uns gründlich abschrubben. Die Eimer sind schwer und schwappen auf dem Weg vom Badezimmer durch den Flur und die Küche ordentlich über. Wir sind alle barfuss und unbemerkt hat sich wohl Teer unter unsere Fußsohlen geschlichen, denn überall auf dem Linoleum sind Teerspuren. Den Versuch herauszufinden von wem welche Teerspur stammt, geben wir bald auf. Keiner von uns hat einen kompletten Fußabdruck hinterlassen. Die Teerflecken zählen wir und teilen sie unter uns vier Großen auf, die Kleinen sind ja nicht im Haus gewesen. Jeder von uns muss nachher elf Teerflecken wegputzen. Das ist nicht weiter schlimm denn es ist ja schon genug Wasser auf dem Fußboden, so müssen wir nachher nur noch mit einem Lappen darüber wischen. Erstmal schrubben wir aber die Kleinen sauber. Hatten wir gedacht, Teer und Wasser scheinen keine guten Freunde zu sein. Das wusste nicht einmal unser großartiger Chemiker. Nicht einen einzigen Teerfleck bekommen wir ab, aber Roy macht uns große Hoffnungen, dass er noch vor dem Ende der Sommerferien herausfinden wird, wie wir das Zeug runter bekommen. Es wäre gut gewesen, wenn ihm da was eingefallen wäre, bevor die Erwachsenen nach Hause gekommen sind. Von Oma Horn kann Roy aber noch eine Menge lernen. Sie schickt Tante Christa und meine Mutter mit ihrer rollenden Einkaufstasche los, um Unmengen von Margarine einzukaufen. Die machen sich aber erst auf den Weg, als sie mit ihrer Schimpferei fertig sind. Wir bekommen den Befehl, auf dem Rasen sitzen zu bleiben und uns nicht von der Stelle zu rühren. Sobald sie mit der rollenden Einkaufstasche entschwunden sind, füttert Onkel Wolfgang uns zum Trost mit Bonbons, selber füttern können wir uns nicht, denn wir dürfen mit unseren Teerfingern nichts mehr anfassen. Wir finden die Bonbonfütterei sehr lustig und Katrin sagt das wir kleine Teerspatzen sind die mit Bonbons ernährt werden müssen. Vier Stunden später und viele leere Margarinenbecher weiter, ist alles wieder sauber. Die Verandabrüstungteerkunstverschönerung hat aber keiner von den Erwachsenen beachtet.                                                                                                 

 

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