Unter den Johannisbeersträuchern

Zeichner unbekannt

 

Bei uns im Garten gab es eine Ecke mit Johannisbeersträuchern,verwildert und dichtgewuchert. Wenn ich mich vorsichtig hineinzwängte und dafür nicht die gleiche Stelle zu häufig benutzte,konnte ich hier wunderbar unentdeckt bleiben. Hier fand sich immer ein gemütliches Plätzchen zum lesen und träumen. Manchmal nahm ich ein Buch mit,manchmal ließ ich einfach meiner Fantasy freien Lauf und erlebte mit meinen Romanhelden große Abenteuer. Mein bevorzugter Held war Winnetou. Ich stand unter seinem persönlichen Schutz und gemeinsam erlebten wir viele Geschichten. Karl May hätte wohl verwundert den Kopf geschüttelt, wenn er geahnt hätte, dass sein Romanheld im Hintergarten einer Hamburger Vorstadtvilla lebte. Winnetou hatte hier sein Tipi aufgeschlagen. Oft saßen wir am Lagerfeuer und er erzählte von seinen Abenteuern die er mit Old Shatterhand erlebt hatte (und von denen Karl May auch nichts ahnte). Manchmal gesellten sich andere Indianer oder Trapper dazu. Einige waren mir aus meinen Romanen bekannt, von anderen hatte ich noch gelesen oder gehört. Sie unterhielten sich dann leise in einer fremden melodischen Sprache, die ich nicht verstand. Es störte mich nicht, die Unterhaltung glich ein wenig einer fremdartigen Melodie, und während ich ihrer lauschte wurde ich, wie auf sanften Wellen davongetragen,und versank bald in einen traumlosen tiefen Schlaf.Wenn ich aufwachte waren die Besucher fort, Winnetou am Lagerfeuer und stocherte gedankenverloren in der Glut, so das die Funken zur Seite stoben. Ich ahnte das er sich Sorgen machte und das wollte ich auf keinen Fall.Ich wollte das er stolz auf mich war. Für ihn würde ich es aushalten zur Schule zu gehen (möglichst ohne verhauen zu werden) und für ihn würde ich es auch schaffen mit allen anderen Schwierigkeiten zurecht zu kommen. Ich würde genauso mutig und stark sein wie er. All dieses sagte ich ihm. Er legte mir eine Decke um die Schulter und blickte mich mit freundlichen Augen an: "Ich bin stolz auf dich,meine Freundin". Sofort fühlte ich mich froh und sicher und ich nahm mir ganz fest vor,dass ich alles wogegen ich mich nicht wehren konnte, stolz und hocherhobenen Hauptes überstehen würde. In Zukunft würde ich nur noch heimlich weinen und nur noch dann wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ.


Zeichner unbekannt

 

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