Klingelstreich

Manchmal verblüfft unsere Mutter uns mit äußerst merkwürdigem Verhalten. Sie scheint immer sehr darauf bedacht einen äußerlich seriösen Anschein zu haben. Vielleicht ist sie auch innerlich seriös, das vermag ich nicht so recht zu beurteilen. Einige Vorkommnisse lassen mich einen berechtigten Zweifel daran haben.

Am Ende der Parchimerstraße war neu gebaut worden. Ein großer Geschäftskomplex und ein mittleres Hochhaus waren dort enstanden. Ein merkwürdiger Anblick am Ende der Straße, die links und rechts bis zu diesem Punkt mit alten ehrwürdigen Villen gesäumt war. Roy und ich sind mit unserer Mutter einkaufen und langweilen uns vor dem Geschäft. Wir beschließen uns diesen merkwürdigen Neubau etwas näher anzusehen. Eine wunderbare sehr lange Klingelleiste ziert die ansonsten karge Hauswand. Wir sind sehr beeindruckt und ich probiere die Klingeln ein bisschen aus. Plötzlich wird von innen die Tür aufgerissen und ein Mann steht vor uns. Er ist sehr außer Atem und seiner Rumbrüllerei nach zu urteilen auch sehr wütend. Roy stellt seine Hörgeräte etwas leiser und wir warten geduldig bis der Mann mit seiner Brüllerei fertig ist. Nachdem er sich etwas beruhigt hat und in einer normalen Lautstärke mit uns reden kann, verlangt er unsere Namen und den Namen unser Eltern, außerdem möchte er auch wissen wo wir wohnen. Er sagt er will sich bei unseren Eltern über uns beschweren. Wir sind nicht bereit ihn mit diesen Informationen zu versorgen, da uns strengstens untersagt worden ist diese Art von Informationen weiterzugeben. Das dürfen wir nur bei Polizisten. Ich erläutere dem Mann, dass es notwendig ist die Polizei zu rufen, wenn er darauf besteht diese Informationen zu erhalten. Während er offensichtlich darüber nachdenkt diese Möglichkeit zu nutzen, nutzt Roy die Gelegenheit ihm zu erklären, dass wir in letzter Zeit sehr viel Unsinn angestellt und den Erwachsenen in der Fasteinschloßvilla genug Kummer bereitet haben, da sie sich alles immer sehr zu Herzen nehmen und auch manchmal merkwürdig reagieren. Roy spricht sehr laut, da er seine Hörgeräte nach der Rumbrüllerei des Mannes nicht wieder lauter gestellt hat. Der Mann starrt uns nach Roys lauter Ausführung nur sehr lange an, dreht sich dann um und lässt uns stehen. Eine Weile warten wir noch vor dem mittleren Hochhaus mit der schönen Klingelleiste. Wir wissen nicht ob der Mann nun die Polizei anruft oder wieder runterkommt und sich weiter mit uns unterhalten möchten. Unsere Warterei müssen wir aufgeben, als unsere Mutter um die Ecke kommt, sie hat uns schon gesucht. Ihre Frage, was wir hier täten beantworten wir wahrheitsgemäß und erläutern ihr, dass wir hier noch warten müssen falls die Polizei kommt. Unsere Mutter fängt schallend an zu lachen und macht dann etwas sehr unseriöses. Nachdem sie uns doch gerade erklärt hat, dass man auch bei mittleren Hochhäusern die Klingeln nur drückt wenn man jemanden besuchen will und nicht zu seinem persönlichen Vergnügen, fährt sie tatsächlich mit dem Finger die gesamte Klingelleiste entlang. Völlig harmlos tuend nimmt sie uns an die Hand und geht weiter. Auf dem Nachhauseweg muss ich immer wieder in ihr Gesicht gucken, weil sie so merkwürdig grinst. Wenn eines von uns Kindern so grinst wenn es etwas angestellt hat wird es von einem anderen meistens gegen das Schienbein getreten. Bei den Erwachsenen ist diese Art von Grinsen nämlich sehr unbeliebt und zeugt von wenig Reuegefühl. Ich hoffe sehr, dass unsere Mutter nicht häufiger so einen Unsinn anstellt, es ist sonst unmöglich sie alleine aus dem Haus zu lassen.

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