Die Geheimnisvolle Truhe

 (Auszug aus > Die Sprache der Bilder <) 
 
In dem kleinem Dorf an der Nordsee gab es vor langer, langer Zeit einmal einen Geschichtenerzähler. Jeden Mittwoch und jeden Samstag, immer wenn Markttag war, egal ob Sommer oder Winter, saß er geschützt durch einen Schirm, auf einem alten klapprigen Holzstuhl, am Marktplatz und erzählte Geschichten. Die Leute kauften die Sachen ein die sie brauchten und setzten sich dann zu ihm um seinen Geschichten zu lauschen und etwas auszuruhen. Immer hatte er eine kleine Holztruhe bei sich und eines Tages fragte ihn eines der Kinder, ein vorwitziges kleines Mädchen, was er denn wohl wichtiges in der Truhe hätte dass er sie immer mit sich rum tragen würde. Dort, antwortete er voller Würde, dort mein liebes Kind sind all meine Geschichten drin die ich im Laufe der Jahre erfunden habe. Immer wenn ich mir eine neue Geschichte ausgedacht habe lege ich sie zu den anderen in der Truhe und bei Bedarf kann ich mich ihrer bedienen. Ehrfurchtsvoll hatte das Mädchen den Worten des alten Mannes gelauscht. Nie wieder wollte sie ihm vorwitzig kommen. Kurz darauf verstarb der alte Mann. Das ganze Dorf trauerte um den Geschichtenerzähler doch das Mädchen musste immer daran denken was wohl aus der Truhe geworden war, aus der in der die ganzen Geschichten drin verwahrt waren die der alte Mann sich ausgedacht hatte. Immer wieder schlich sie um die Hütte herum in der der Geschichtenerzähler gewohnt hatte doch nie traute sie sich sie zu betreten.   Eines Tages dann fuhr eine vornehme Kutsche vor, so vornehm das die Leute denen sie gehörte sicher aus der Stadt kommen mussten. Denn eine so vornehme Kutsche hatte man hier und auch anderswo auf den Dörfern nicht gesehen. Eine sehr vornehme junge Dame und ein ebenso vornehmer junger Herr stiegen aus und gingen gezierten Schrittes auf die Hütte zu. Es waren die Enkel des Geschichtenerzählers und sie wollten ihr Erbe begutachten. Nachdem sie einen Blick in die karge Hütte geworfen hatten wandten sie sich fast schon angeekelt ab und beschlossen all dieses hier dem hiesigen Trödler zu schenken. Als sie dieses hörte verließ das kleine Mädchen ihr Versteck, von dem sie aus alles belauscht hatte und bat schüchtern darum man möge ihr doch die Truhe überlassen. Die beiden vornehmen Leute lachten über das drollige Kind und erlaubten ihr bereitwillig sich der Truhe zu bemächtigen, hatten sie ja eh keine Verwendung dafür. Voller Freude über das unerwartete, wenn auch erbettelte, Geschenk schleppte das Mädchen die Truhe in ihr Versteck um dann enttäuscht festzustellen dass sie sich nicht öffnen ließ. Nachdem das Kind eine Weile über das Problem nachgedacht hatte beschloss sie es als unabänderlich hinzunehmen. Die Truhe war halt verschlossen und damit basta. Doch die Geschichten des Mannes mussten geschützt werden. Sie würde ihr Retter sein. Als große Retterin der Geschichten wollte sie zur Legende werden.In diesem Moment brach die Sonne durch die Wolken und zauberte einen Regenbogen an den weiten Himmel. Er reichte vom Strand bis zum Horizont so als wollte er die Erde mit der Ewigkeit verbinden. Und da wusste das Mädchen das es nur einen sicheren Platz auf dieser Erde für die Geschichten geben würde. So schleppte sie die Truhe mit aller Kraft die sie hatte zum Anfang des Regenbogens und bat den Regenbogen bis in alle Ewigkeiten die Geschichten zu verwahren damit sie dieser Welt nicht verloren gingen. Seit dem ist es nie wieder einem Menschen gelungen den Anfang des Regenbogens zu ereichen. Immer wenn man glaubt es gleich geschafft zu haben rückt es schnell wieder in die Ferne.”
 

 

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