Ordnungsliebend

Das Wohnzimmer der Fasteinschloßvilla ist ein merkwürdiger Raum. Wir Kinder sind hier selten in unserer Anwesenheit erwünscht. Dieser Raum ist den Erwachsenen vorbehalten, wobei ich mich nicht daran erinnern kann Onkel Wolfgang hier jemals ausserhalb der Gelegenheiten zu denen der Raum auch uns Kinder offenstand, gesehen zu haben. Wenn die Erwachsenen zur Arbeit sind ist der Raum abgeschloßen. Die Tür hat eine Milchglasscheibe und manchmal presse ich mein Gesicht an das kühle Glas und versuche zu ergründen, was sich dahinter Geheimnisvolles verbirgt. Irgendein Grund musste die Abschließerei ja schließlich rechtfertigen. Und eines Tages stelle ich fest, dass die Tür offen ist. Ich bin alleine im Haus und so traue ich mich den Raum zu betreten. An der einen Wand steht ein riesiger Stubenschrank mit etlichen Türen und Schubladen. Ich öffne eine Tür nach der anderen und sehe mir den Inhalt aller Schubladen an. Die Erwachsenen haben einen Schokoladenvorrat. Von jeder Tafel breche ich genau einen Riegel ab und stecke ihn in die Tasche. Die sind für meine Geschwister. Meinen Riegel esse ich gleich. Sehr interessant finde ich die Klappe hinter der sich eine Vielzahl von Flaschen verbirgt. Wenn man die Klappe öffnet geht, genau wie bei unserem Kühlschrank, ein Licht an. Die Rückseite des Faches ist verspiegelt und es sieht sehr edel aus. Ich setzte mich in den Löwenkopfsessel und schaue mir die sehr edle Angelegenheit genau an. Die Flaschen sind alle verschieden, ebenso wie die Flüssigkeiten darin. Die Unterschiedlichkeit der Flaschen und Flüssigkeiten stört mich keinesfalls. Wohl aber die unterschiedliche Füllhöhe. Ein bisschen was mussten die Flaschen doch gemeinsam haben. Ich gehe in die Küche, besorge mir einen Trichter und ein Litermaß mit Wasser. Alle Flaschen fülle ich nun sorgfältig auf genau die gleiche Höhe mit Wasser auf und stelle sie dann wohlgeordnet in das Fach zurück. Das gefällt mir schon viel besser. Auch meine neue Ordnung. Drei Tage später machen die Erwachsenen dann einen ziemlichen Aufstand wegen der Flaschen. Sie glauben nicht, dass ich sie mit Wasser aufgefüllt habe, damit eine gewisse Ordnung besteht. Sie glauben, dass Margit, Ina, Roy und ich eine Alkoholprobierstunde eingelegt haben, die drei Kleinen sind zum Glück von ihren Verdächtigungen ausgeschlossen.

Noch nach vielen Jahren bestanden die Erwachsenen auf ihre Version der Angelegenheit und forderten uns immer mal wieder auf, doch endlich die Wahrheit zu sagen. Vor allem wurde ihre Version der Angelegenheit sehr gerne wiedergegeben wenn Besuch anwesend war.

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