Schnitzarbeiten

 

Leider besaß ich kein anständiges Taschenmesser, diese Tatsache ist für eine Elfjährige schon fast eine Schande, besonders da ich sehr gerne schnitzte. Die dafür notwendigen Messer besorgte ich mir aus dem Kaugummiautomaten an der Ecke. Dort gab es eine freundliche Auswahl an Daumengroßen bunten Taschenmessern mit einem Schlüsselring daran. Es war nicht so einfach eines dieser begehrten Messer zu ergattern. Meistens erhielt ich drei noch buntere Kaugummikugeln, deren Geruch es mir unmöglich machte jemals eine zu probieren. Nachdem nun auch das letzte Kaugummiautomatentaschenmesser seine Funktionstüchtigkeit aufgegeben hatte und ich gerade dabei war einen wunderbaren Bogen mit Schnitzarbeiten zu verzieren, musste ich mich dringend nach einer Alternative umsehen. Die Küchenmesser zu benutzen war mir strengstens verboten, daran brauchte ich nicht mal zu denken. Also sah ich mich im Badezimmer nach einem geeigneten Untensil um. In einer Schublade des Badezimmerschrankes fand ich ein altes Klappmesser mit einer sehr eckigen, denoch sehr scharfen Klinge. Der Horngriff mit dem eingeritzten Wolf gefiel mir ausnehmend gut. Das Messer war mir jedenfalls nicht strengstens für Schnitzarbeiten verboten worden und ich konnte selbst nach intensiver Nachdenkerei keine andere Gebrauchsmöglchkeit dafür finden. Also nahm ich es an mich und beendete voller Freude meine angefangene Schnitzerei. Noch lange betrachtete ich meinen Bogen. Die Schnitzkanten waren gestochen scharf, so ein wundervolles Messer hatte ich noch nie besessen. Meine Freude währte genau bis zum Erreichen. Da ertönte ein Wutschrei aus dem Badezimmer, mein Siefvater stapfte mit eingeschäumten Gesicht durch die Räumlichkeiten der Fasteinschloßvilla und verlangte umgehend nach seinem Rasiermesser. Mir schwante Böses. Das wundervolle Schnitzmesser hatte offensichtlich doch einen Besitzer und eine feste Verwendung. Der Versuch mich für meine Untat übers Knie zu legen und mir den Hintern zu versohlen endete für meinen Stiefvater allerdings nicht sehr glücklich. Er hatte nun nicht nur ein stumpfes Rasiermesser sondern auch noch eine Bisswunde am Oberschenkel.

 

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